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Aussteuerung: Was nach 78 Wochen Krankengeld passiert und was Arbeitgeber tun müssen

Lisa PulsLisa Puls
19. Okt. 2026Max 8 Min. Lesezeit
Aussteuerung: Was nach 78 Wochen Krankengeld passiert und was Arbeitgeber tun müssen

Kurz gesagt: Wegen derselben Krankheit zahlt die Krankenkasse Krankengeld für höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren (§ 48 SGB V). Die sechs Wochen Lohnfortzahlung zählen mit, sodass tatsächlich höchstens 72 Wochen Krankengeld fließen. Endet der Anspruch, spricht man von Aussteuerung. Das Arbeitsverhältnis endet dadurch nicht. Beschäftigte, die weiter nicht arbeiten können, bekommen in der Regel Arbeitslosengeld über die Nahtlosigkeitsregelung (§ 145 SGB III). Arbeitgeber melden das Ende der versicherungspflichtigen Beschäftigung ab und sollten das Eingliederungsmanagement im Blick behalten.

Was bedeutet Aussteuerung?

Aussteuerung ist kein Begriff aus dem Gesetz, sondern die gängige Bezeichnung für das Ende des Krankengeldanspruchs, weil die Höchstdauer erreicht ist. Die Regel steht in § 48 Abs. 1 SGB V: Versicherte erhalten Krankengeld ohne zeitliche Begrenzung, für die Arbeitsunfähigkeit wegen derselben Krankheit jedoch für längstens 78 Wochen innerhalb von je drei Jahren, gerechnet vom Tag des Beginns der Arbeitsunfähigkeit an.

Drei Punkte sind dabei wichtig:

  • Dieselbe Krankheit: Die Frist gilt pro Krankheit. Eine neue, nicht zusammenhängende Krankheit nach einer Genesung startet einen neuen Anspruch.
  • Hinzutretende Krankheit: Kommt während der Arbeitsunfähigkeit eine weitere Krankheit hinzu, verlängert das die 78 Wochen nicht (§ 48 Abs. 1 Satz 2 SGB V).
  • Ruhenszeiten zählen mit: Solange der Arbeitgeber das Gehalt fortzahlt, ruht das Krankengeld (§ 49 Abs. 1 Nr. 1 SGB V). Ruhenszeiten werden aber wie Bezugszeiten auf die 78 Wochen angerechnet (§ 48 Abs. 3 SGB V). Deshalb bleiben nach sechs Wochen Entgeltfortzahlung noch 72 Wochen Krankengeld.

Zeitachse bis zur Aussteuerung

ZeitraumWas passiertWer zahlt
Woche 1 bis 6Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall (§ 3 EFZG)Arbeitgeber, ggf. mit Erstattung aus der U1
Woche 7 bis 78Krankengeld: 70 % des Bruttos, höchstens 90 % des Nettos (§ 47 SGB V)Krankenkasse
ab Woche 79Aussteuerung: kein Krankengeld mehr wegen dieser Krankheitje nach Lage Agentur für Arbeit, Rentenversicherung oder Grundsicherung

Neuer Anspruch nach drei Jahren: Nach Beginn eines neuen Dreijahreszeitraums entsteht wegen derselben Krankheit wieder ein Anspruch. Voraussetzung ist, dass die Person bei der erneuten Arbeitsunfähigkeit mit Anspruch auf Krankengeld versichert ist und in der Zwischenzeit mindestens sechs Monate nicht wegen dieser Krankheit arbeitsunfähig war und gearbeitet hat oder der Arbeitsvermittlung zur Verfügung stand (§ 48 Abs. 2 SGB V).

Was nach der Aussteuerung kommt

Arbeitslosengeld über die Nahtlosigkeitsregelung

Wer nach der Aussteuerung weiter arbeitsunfähig ist, steht dem Arbeitsmarkt eigentlich nicht zur Verfügung. Damit trotzdem keine Lücke entsteht, gibt es § 145 SGB III: Arbeitslosengeld bekommt auch, wer wegen einer mehr als sechsmonatigen Minderung der Leistungsfähigkeit keine Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden ausüben kann, solange die Rentenversicherung keine Erwerbsminderung festgestellt hat.

  • Die Person muss sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos melden. Ist sie dazu gesundheitlich nicht in der Lage, darf eine Vertretung die Meldung übernehmen.
  • Die Agentur fordert sie auf, innerhalb eines Monats einen Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation oder zur Teilhabe am Arbeitsleben zu stellen. Ohne diesen Antrag ruht das Arbeitslosengeld (§ 145 Abs. 2 SGB III).
  • Ob eine Erwerbsminderung vorliegt, entscheidet die Rentenversicherung.

Arbeitslosenmeldung bedeutet nicht, dass das Arbeitsverhältnis beendet ist. Sie ist nur die Voraussetzung für die Leistung.

Rehabilitation oder Erwerbsminderungsrente

Bewilligt die Rentenversicherung eine Reha, gibt es Übergangsgeld. Stellt sie eine volle Erwerbsminderung fest, kommt eine Rente wegen Erwerbsminderung in Betracht. Viele Krankenkassen fordern Versicherte schon während des Krankengeldbezugs auf, einen Reha-Antrag zu stellen.

Was die Aussteuerung für das Arbeitsverhältnis bedeutet

  • Das Arbeitsverhältnis besteht weiter. Es endet weder mit der Aussteuerung noch mit dem Bezug von Arbeitslosengeld. Es endet nur durch Kündigung, Aufhebungsvertrag, Befristung oder eine tarifliche Regel, etwa bei Bewilligung einer Erwerbsminderungsrente.
  • Kein Gehalt: Solange keine Arbeit geleistet wird und die Entgeltfortzahlung ausgeschöpft ist, schuldet der Arbeitgeber kein Gehalt.
  • Abmeldung: Laut den Krankenkassen meldet der Arbeitgeber zum Ende des Krankengeldbezugs die versicherungspflichtige Beschäftigung ab, mit Abgabegrund 30.
  • Urlaub: Auch während langer Krankheit entsteht der gesetzliche Urlaubsanspruch. Nach der Rechtsprechung von EuGH und BAG verfällt er bei durchgehender Arbeitsunfähigkeit in der Regel 15 Monate nach Ende des Urlaubsjahres. Endet das Arbeitsverhältnis, ist offener Urlaub abzugelten (§ 7 Abs. 4 BUrlG).
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement: Wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist, dem muss der Arbeitgeber ein BEM anbieten (§ 167 Abs. 2 SGB IX). Das gilt spätestens jetzt. Mehr dazu im Beitrag Betriebliches Eingliederungsmanagement.
  • Krankheitsbedingte Kündigung: Sie ist auch nach der Aussteuerung nur unter den üblichen Voraussetzungen möglich: negative Gesundheitsprognose, erhebliche Beeinträchtigung betrieblicher Interessen und eine Interessenabwägung. Ein fehlendes oder fehlerhaftes BEM schwächt die Position des Arbeitgebers.

Beispiel: Wann endet das Krankengeld?

Ein Lagerleiter ist ab Montag, dem 2. Februar 2026, wegen eines Bandscheibenvorfalls arbeitsunfähig.

  • Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber: 2. Februar bis 15. März 2026 (sechs Wochen).
  • Krankengeld: ab 16. März 2026.
  • 78 Wochen nach Beginn der Arbeitsunfähigkeit: Ende am 1. August 2027. Das sind 72 Wochen Krankengeld.
  • Dreijahreszeitraum: 2. Februar 2026 bis 1. Februar 2029. Wegen derselben Krankheit gibt es in diesem Zeitraum kein weiteres Krankengeld.

Was der Arbeitgeber in dieser Zeit tut: Nach sechs Wochen bietet er ein BEM an. Er übermittelt der Krankenkasse die Entgeltbescheinigung für das Krankengeld, meldet die Unterbrechung und zum Ende des Krankengeldbezugs die Abmeldung. Er dokumentiert den Urlaubsanspruch und prüft, ob eine Rückkehr, etwa über eine stufenweise Wiedereingliederung, möglich ist.

Mit der Abwesenheitsverwaltung von flair siehst du lange Krankheitszeiten, das Ende der Entgeltfortzahlung und den Zeitpunkt für ein BEM-Angebot auf einen Blick. Mit dem Lohnfortzahlungsrechner rechnest du die sechs Wochen nach.

Häufige Fragen

Was passiert, wenn man von der Krankenkasse ausgesteuert wird?

Das Krankengeld wegen dieser Krankheit endet. Wer weiter nicht arbeiten kann, meldet sich arbeitslos und bekommt in der Regel Arbeitslosengeld nach der Nahtlosigkeitsregelung, bis die Rentenversicherung über Reha oder Erwerbsminderungsrente entschieden hat.

Ist man automatisch gekündigt, wenn man ausgesteuert wird?

Nein. Das Arbeitsverhältnis besteht weiter. Es ruht praktisch, weil weder gearbeitet noch Gehalt gezahlt wird. Es endet nur durch Kündigung, Aufhebungsvertrag oder einen anderen Beendigungsgrund.

Wie lange zahlt das Arbeitsamt nach der Aussteuerung?

So lange, wie der Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Die Dauer hängt von der Versicherungszeit und vom Alter ab. Bei der Nahtlosigkeitsregelung wird gezahlt, bis die Rentenversicherung über die Erwerbsminderung entschieden hat, längstens bis zum Ende des Anspruchs.

Soll ich mich nach der Aussteuerung weiter krankschreiben lassen?

Für das Arbeitslosengeld nach der Nahtlosigkeitsregelung ist keine Krankschreibung mehr nötig. Die Agentur für Arbeit kann aber eine ärztliche Begutachtung veranlassen. Ob weitere Bescheinigungen sinnvoll sind, etwa für eine Erwerbsminderungsrente, klärst du am besten mit der Krankenkasse oder einer Beratungsstelle.

Zählt die Lohnfortzahlung zu den 78 Wochen?

Ja. Während der Entgeltfortzahlung ruht das Krankengeld, und Ruhenszeiten werden auf die 78 Wochen angerechnet. Tatsächlich ausgezahlt werden deshalb höchstens 72 Wochen Krankengeld.

Was muss der Arbeitgeber bei der Aussteuerung melden?

Nach Auskunft der Krankenkassen die Abmeldung der versicherungspflichtigen Beschäftigung zum Ende des Krankengeldbezugs, mit Abgabegrund 30. Das Arbeitsverhältnis selbst bleibt davon unberührt.

Bekommt man nach der Aussteuerung wieder Krankengeld?

Wegen derselben Krankheit erst in einem neuen Dreijahreszeitraum und nur, wenn man in der Zwischenzeit mindestens sechs Monate nicht deswegen arbeitsunfähig war und gearbeitet hat oder arbeitslos gemeldet war. Wegen einer anderen Krankheit entsteht ein neuer Anspruch.

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Abweichende Regelungen in Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung gehen vor. Stand: Oktober 2026.

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