Entgeltersatzleistung: Arten, Progressionsvorbehalt und Pflichten für Arbeitgeber
Lisa Puls
Kurz gesagt: Entgeltersatzleistungen (auch Lohnersatzleistungen) sind Sozialleistungen, die das Arbeitsentgelt ersetzen, wenn Beschäftigte vorübergehend kein Gehalt bekommen. Dazu gehören Krankengeld, Mutterschaftsgeld, Elterngeld, Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld. Sie sind steuerfrei, unterliegen aber dem Progressionsvorbehalt (§ 32b EStG): Sie erhöhen den Steuersatz auf das übrige Einkommen. Arbeitgeber liefern den Leistungsträgern die nötigen Entgeltdaten elektronisch (§ 107 SGB IV), bescheinigen manche Leistungen auf der Lohnsteuerbescheinigung und müssen bei Zuschüssen die 50-Euro-Grenze des § 23c SGB IV beachten.
Was ist eine Entgeltersatzleistung?
Eine Entgeltersatzleistung ist eine Geldleistung eines Sozialleistungsträgers oder einer staatlichen Stelle, die den Verdienst ersetzt, der wegen eines bestimmten Ereignisses ausfällt. Der Begriff taucht in mehreren Gesetzen auf, zum Beispiel in § 49 SGB V beim Ruhen des Krankengeldes. Im Steuerrecht spricht man meist von Lohnersatzleistungen.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Die ersten sechs Wochen einer Krankheit zahlt der Arbeitgeber weiter das volle Gehalt (§ 3 EFZG). Das ist Arbeitsentgelt, keine Entgeltersatzleistung. Erst ab der siebten Woche zahlt die Krankenkasse Krankengeld, und das ist eine Entgeltersatzleistung.
Welche Entgeltersatzleistungen gibt es?
| Leistung | Anlass | Wer zahlt? | Grundlage |
|---|---|---|---|
| Krankengeld | Arbeitsunfähigkeit nach Ende der Entgeltfortzahlung | Krankenkasse | §§ 44 ff. SGB V |
| Kinderkrankengeld | Betreuung eines kranken Kindes | Krankenkasse | § 45 SGB V |
| Verletztengeld | Arbeitsunfall oder Berufskrankheit | Berufsgenossenschaft, Unfallkasse | SGB VII |
| Übergangsgeld | medizinische oder berufliche Rehabilitation | Rentenversicherung, Agentur für Arbeit | SGB VI, SGB IX, SGB III |
| Mutterschaftsgeld | Schutzfristen vor und nach der Geburt | Krankenkasse; Arbeitgeber zahlt einen Zuschuss | MuSchG, SGB V |
| Elterngeld | Betreuung eines Kindes nach der Geburt | Elterngeldstelle | BEEG |
| Pflegeunterstützungsgeld | kurzzeitige Arbeitsverhinderung wegen Pflege | Pflegekasse | SGB XI |
| Kurzarbeitergeld | vorübergehender Arbeitsausfall im Betrieb | Agentur für Arbeit, ausgezahlt über den Arbeitgeber | §§ 95 ff. SGB III |
| Arbeitslosengeld | Arbeitslosigkeit | Agentur für Arbeit | SGB III |
| Insolvenzgeld | Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers | Agentur für Arbeit | SGB III |
Die meisten Leistungen orientieren sich am bisherigen Netto. Krankengeld zum Beispiel beträgt 70 % des regelmäßigen Bruttoentgelts bis zur Beitragsbemessungsgrenze, höchstens aber 90 % des Nettoentgelts (§ 47 Abs. 1 SGB V). Wie das konkret aussieht, zeigt der Beitrag Krankengeld nach 6 Wochen.
Steuer: steuerfrei, aber mit Progressionsvorbehalt
Krankengeld, Mutterschaftsgeld, Elterngeld, Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld sind nach § 3 EStG steuerfrei. Sie werden aber beim Steuersatz berücksichtigt. Das regelt der Progressionsvorbehalt in § 32b EStG, der die Leistungen ausdrücklich aufzählt.
So funktioniert er: Das Finanzamt rechnet die steuerfreie Leistung für die Ermittlung des Steuersatzes zum zu versteuernden Einkommen hinzu. Der höhere Steuersatz, der sich daraus ergibt, wird dann nur auf das steuerpflichtige Einkommen angewendet. Die Leistung selbst bleibt steuerfrei, die Steuer auf den Arbeitslohn steigt.
Folge für Beschäftigte: Wer im Jahr mehr als 410 € an Leistungen mit Progressionsvorbehalt bekommen hat, muss eine Einkommensteuererklärung abgeben (§ 46 Abs. 2 Nr. 1 EStG). Oft kommt es zu einer Nachzahlung, weil die Lohnsteuer im Jahr ohne die Leistungen berechnet wurde. Hat der Arbeitgeber im Jahr Kurzarbeitergeld oder einen Zuschuss zum Mutterschaftsgeld gezahlt, darf er keinen Lohnsteuer-Jahresausgleich durchführen (§ 42b Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG). Mehr dazu im Beitrag Lohnsteuerjahresausgleich.
Wer meldet die Leistungen ans Finanzamt?
- Der Arbeitgeber bescheinigt auf der Lohnsteuerbescheinigung unter anderem das Kurzarbeitergeld, den Zuschuss zum Mutterschaftsgeld und Entschädigungen nach dem Infektionsschutzgesetz (§ 41b Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 EStG).
- Alle anderen Leistungen, etwa Krankengeld oder Elterngeld, übermitteln die Leistungsträger direkt elektronisch an das Finanzamt (§ 32b Abs. 3 EStG).
Was Arbeitgeber bei Entgeltersatzleistungen tun müssen
Entgeltbescheinigung im EEL-Verfahren
Damit die Krankenkasse Krankengeld, Kinderkrankengeld oder Mutterschaftsgeld berechnen kann, braucht sie Angaben zum Verdienst. Diese Bescheinigung übermittelt der Arbeitgeber elektronisch aus seinem Lohnprogramm (§ 107 SGB IV, Verfahren „Entgeltersatzleistungen“, kurz EEL). Das gilt entsprechend für Verletztengeld, Übergangsgeld und Pflegeunterstützungsgeld. Die Krankenkasse fordert sie in der Regel an, sobald die Entgeltfortzahlung endet.
Zuschüsse und die 50-Euro-Grenze
Viele Arbeitgeber zahlen während des Krankengeldbezugs einen Zuschuss, oft weil ein Tarifvertrag das vorsieht. Solche Zuschüsse sind beitragsfrei, solange sie zusammen mit der Sozialleistung das Nettoarbeitsentgelt um nicht mehr als 50 € im Monat übersteigen (§ 23c Abs. 1 SGB IV). Wird die Grenze überschritten, ist der Zuschuss in voller Höhe beitragspflichtig. Lohnsteuerpflichtig ist der Zuschuss in jedem Fall. Den Zuschuss zum Mutterschaftsgeld nach dem Mutterschutzgesetz musst du dagegen zahlen. Er ist steuer- und beitragsfrei.
Meldungen zur Sozialversicherung
Fällt das Gehalt wegen einer Entgeltersatzleistung für mindestens einen vollen Kalendermonat weg, meldet der Arbeitgeber eine Unterbrechung an die Krankenkasse. Die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung bleibt erhalten, solange Anspruch auf Krankengeld oder Mutterschaftsgeld besteht oder Elterngeld bezogen wird (§ 192 Abs. 1 Nr. 2 SGB V). Die Rentenversicherungsbeiträge während des Krankengeldbezugs zahlen Krankenkasse und Versicherte gemeinsam. Bemessungsgrundlage sind 80 % des zugrunde liegenden Entgelts (§ 166 Abs. 1 Nr. 2 SGB VI).
Zuschuss zum Mutterschaftsgeld
Während der Schutzfristen vor und nach der Geburt zahlt die Krankenkasse gesetzlich versicherten Beschäftigten Mutterschaftsgeld von höchstens 13 € pro Kalendertag. Den Unterschied zum durchschnittlichen Nettoentgelt der letzten drei abgerechneten Monate zahlt der Arbeitgeber als Zuschuss (§ 20 MuSchG). Die Kosten bekommt er über das Umlageverfahren U2 vollständig erstattet. Die Entgeltdaten für das Mutterschaftsgeld gehen ebenfalls über das EEL-Verfahren an die Krankenkasse.
Kurzarbeitergeld abrechnen
Beim Kurzarbeitergeld ist der Arbeitgeber stärker beteiligt: Er berechnet die Leistung, zahlt sie mit dem Lohn aus und beantragt die Erstattung bei der Agentur für Arbeit. Das Kurzarbeitergeld beträgt 60 % der Nettoentgeltdifferenz, mit mindestens einem Kind 67 % (§ 105 SGB III).
Beispiel: Progressionsvorbehalt nach Krankengeld
Eine Projektleiterin ist im Jahr 2026 vier Monate krank. Nach sechs Wochen Entgeltfortzahlung bekommt sie Krankengeld.
- Ihr zu versteuerndes Einkommen aus dem Arbeitslohn beträgt 40.000 €.
- Dazu kommen 8.000 € Krankengeld. Die Krankenkasse meldet den Betrag an das Finanzamt.
- Das Finanzamt ermittelt den Steuersatz so, als hätte sie 48.000 € versteuert, und wendet diesen Satz auf die 40.000 € an.
- Weil der Arbeitgeber die Lohnsteuer im Jahr nur aus dem Gehalt berechnet hat, ist im Steuerbescheid eine Nachzahlung wahrscheinlich.
Ein kurzer Hinweis an Beschäftigte mit langer Krankheit, Elternzeit oder Kurzarbeit hilft, Überraschungen zu vermeiden. Eine Steuerberatung ersetzt er nicht.
In flair Payroll laufen Abwesenheiten aus der Abwesenheitsverwaltung direkt in die Lohnabrechnung. Das Ende der Entgeltfortzahlung, Zuschüsse und Meldungen hast du im Blick, und die Daten gehen über die DATEV-Schnittstelle an deine Steuerkanzlei.
Häufige Fragen
Was zählt zu den Entgeltersatzleistungen?
Unter anderem Krankengeld, Kinderkrankengeld, Verletztengeld, Übergangsgeld, Mutterschaftsgeld, Elterngeld, Pflegeunterstützungsgeld, Kurzarbeitergeld, Arbeitslosengeld und Insolvenzgeld.
Ist Krankengeld eine Entgeltersatzleistung?
Ja. Krankengeld ersetzt ab der siebten Woche der Arbeitsunfähigkeit das Gehalt. Die Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber in den ersten sechs Wochen ist dagegen Arbeitsentgelt.
Ist Arbeitslosengeld 1 eine Entgeltersatzleistung?
Ja. Arbeitslosengeld nach dem SGB III ersetzt das weggefallene Arbeitsentgelt und unterliegt dem Progressionsvorbehalt. Die Grundsicherung nach dem SGB II (früher Bürgergeld) ist dagegen eine Fürsorgeleistung und keine Entgeltersatzleistung.
Was ist eine Entgeltersatzleistung im Sinne des SGB III?
Im Arbeitsförderungsrecht sind das vor allem Arbeitslosengeld, Teilarbeitslosengeld, Übergangsgeld, Kurzarbeitergeld, Qualifizierungsgeld und Insolvenzgeld. Sie werden von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt.
Muss ich Entgeltersatzleistungen in der Steuererklärung angeben?
Ja. Bei mehr als 410 € im Jahr besteht sogar eine Pflicht zur Steuererklärung. Die Beträge stehen auf der Lohnsteuerbescheinigung oder auf der Bescheinigung des Leistungsträgers.
Ist Elterngeld eine Entgeltersatzleistung?
Ja. Elterngeld ersetzt einen Teil des Einkommens, das wegen der Betreuung des Kindes wegfällt. Es ist steuerfrei und unterliegt dem Progressionsvorbehalt.
Weiterlesen im HR-Lexikon
- Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
- Krankengeld nach 6 Wochen
- Aussteuerung
- Lohnsteuerbescheinigung
- Alle Begriffe im HR-Lexikon
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Abweichende Regelungen in Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung gehen vor. Stand: Oktober 2026.
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