Urlaubsabgeltung berechnen: Formel, Beispiel und Sonderfälle
Lisa Puls
Kurz gesagt: Kann Urlaub wegen der Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr genommen werden, muss er ausgezahlt werden (§ 7 Abs. 4 BUrlG). Pro offenem Urlaubstag gibt es ein Tagesentgelt. Bei einer Fünf-Tage-Woche und festem Monatsgehalt: Monatsgehalt × 3 ÷ 65 × offene Urlaubstage. Die Abgeltung ist voll steuer- und beitragspflichtig.
Rechtsgrundlage
- § 7 Abs. 4 BUrlG: Urlaub, der wegen der Beendigung nicht mehr gewährt werden kann, ist abzugelten. Während eines laufenden Arbeitsverhältnisses ist die Auszahlung von gesetzlichem Urlaub unzulässig.
- § 11 BUrlG: Grundlage ist der durchschnittliche Arbeitsverdienst der letzten 13 Wochen vor dem Austritt, ohne Überstundenvergütung. Dauerhafte Gehaltserhöhungen in diesem Zeitraum werden berücksichtigt.
- § 5 BUrlG: Regelt den Teilurlaub, wenn jemand im Laufe des Jahres ausscheidet.
Schritt 1: Wie viele Urlaubstage sind offen?
- Austritt bis 30. Juni: Pro vollem Beschäftigungsmonat im Austrittsjahr entsteht ein Zwölftel des Jahresurlaubs (§ 5 Abs. 1 c BUrlG).
- Austritt ab 1. Juli (nach erfüllter Wartezeit von sechs Monaten): Es besteht der volle gesetzliche Jahresurlaub, bei einer Fünf-Tage-Woche also mindestens 20 Tage.
- Vertraglicher Mehrurlaub: Darf anteilig gekürzt werden, wenn Arbeits- oder Tarifvertrag das ausdrücklich regeln. Fehlt eine solche Klausel, gilt er wie gesetzlicher Urlaub.
- Rundung: Beim Teilurlaub werden Bruchteile ab einem halben Tag auf volle Tage aufgerundet (§ 5 Abs. 2 BUrlG). Kleinere Bruchteile werden nicht abgerundet, sondern anteilig gewährt bzw. abgegolten: 1,5 Tage werden zu 2 Tagen, 1,4 Tage bleiben 1,4 Tage.
Von diesem Anspruch ziehst du die bereits genommenen Tage ab, plus übertragenen Resturlaub aus dem Vorjahr, sofern er noch nicht verfallen ist. Mehr dazu im Artikel zum Urlaubsanspruch bei Kündigung.
Den anteiligen Urlaubsanspruch im Austrittsjahr ermittelt unser kostenloser Urlaubsrechner.
Schritt 2: Tagesentgelt berechnen
Bei festem Monatsgehalt und Fünf-Tage-Woche:
Tagesentgelt = Monatsgehalt × 3 ÷ 65
Die 65 steht für 13 Wochen × 5 Arbeitstage. Bei einer Sechs-Tage-Woche rechnest du mit 78, bei vier Arbeitstagen mit 52. Bei Teilzeit rechnest du genauso, nur mit den tatsächlichen Arbeitstagen pro Woche.
Was in den Durchschnittsverdienst der letzten 13 Wochen einfließt:
- Zählt mit: Grundgehalt oder Stundenlohn, regelmäßige Zulagen (z. B. Nacht- oder Rufbereitschaftszulage), Provisionen, Sachbezüge, dauerhafte Gehaltserhöhungen
- Zählt nicht mit: Überstundenvergütung, Aufwendungsersatz, vermögenswirksame Leistungen, einmalige Prämien
- Mindert nicht: Verdienstkürzungen durch Kurzarbeit, Krankheit oder unverschuldete Arbeitsausfälle (§ 11 Abs. 1 Satz 3 BUrlG)
Bei festem Stundenlohn und gleichbleibender Arbeitszeit geht es einfacher: Stundenlohn × Wochenstunden ÷ Arbeitstage pro Woche. Beispiel: 17,50 € × 38,5 Stunden ÷ 5 = 134,75 € pro Urlaubstag.
Beispielrechnung
Eine Mitarbeiterin verdient 4.000 € brutto im Monat, arbeitet fünf Tage pro Woche und hat 30 Urlaubstage im Jahr. Ihr Arbeitsvertrag enthält keine Kürzungsklausel für Mehrurlaub. Sie scheidet am 31. Oktober aus und hat bis dahin 18 Tage genommen.
- Austritt nach dem 30. Juni, Wartezeit erfüllt → voller Anspruch: 30 Tage
- Offene Tage: 30 − 18 = 12 Tage
- Tagesentgelt: 4.000 € × 3 ÷ 65 = 184,62 €
- Urlaubsabgeltung: 12 × 4.000 € × 3 ÷ 65 = 2.215,38 € brutto (mit dem ungerundeten Tagessatz gerechnet)
Mit Kürzungsklausel für die 10 Tage Mehrurlaub sähe es anders aus: 20 gesetzliche Tage + 10 × 10/12 = 8,33 Tage Mehrurlaub = 28,33 Tage Anspruch. Offen sind dann 10⅓ Tage, die Abgeltung beträgt 10⅓ × 4.000 € × 3 ÷ 65 = 1.907,69 € brutto.
Steuern, Sozialversicherung und Arbeitslosengeld
- Lohnsteuer: Die Abgeltung ist ein sonstiger Bezug (R 39b.2 Abs. 2 LStR) und wird über den voraussichtlichen Jahresarbeitslohn versteuert (§ 39b Abs. 3 EStG).
- Sozialversicherung: Sie ist einmalig gezahltes Arbeitsentgelt (§ 23a SGB IV) und voll beitragspflichtig, bis zur anteiligen Jahres-Beitragsbemessungsgrenze.
- Arbeitslosengeld: Für die Dauer des abgegoltenen Urlaubs ruht der Anspruch auf Arbeitslosengeld (§ 157 Abs. 2 SGB III). Er verschiebt sich, geht aber nicht verloren.
Was HR beachten sollte
- Erst gewähren, dann abgelten: Wenn möglich, sollte Resturlaub in der Kündigungsfrist genommen werden. Die Abgeltung ist nur für Tage vorgesehen, die tatsächlich nicht mehr genommen werden können.
- Hinweispflicht: Gesetzlicher Urlaub verfällt nur, wenn der Arbeitgeber rechtzeitig auf den drohenden Verfall hingewiesen hat. Ohne diesen Hinweis können auch Ansprüche aus Vorjahren offen sein. Bei Langzeiterkrankung verfällt der Urlaub 15 Monate nach Ende des Urlaubsjahres.
- Kein Verzicht: Auf den gesetzlichen Mindesturlaub kann während des laufenden Arbeitsverhältnisses nicht verzichtet werden, auch nicht in einem Aufhebungsvertrag oder gerichtlichen Vergleich (BAG, 03.06.2025 – 9 AZR 104/24).
- Freistellung: Urlaub wird während einer Freistellung nur angerechnet, wenn sie unwiderruflich erklärt ist.
- Krank in der Kündigungsfrist: Wer zwischen Kündigung und Austritt arbeitsunfähig ist, kann keinen Urlaub nehmen. Der Anspruch bleibt bestehen und wird abgegolten.
- Ausschlussfristen: Der Abgeltungsanspruch kann vertraglichen oder tariflichen Ausschlussfristen unterliegen.
In der Abwesenheitsverwaltung von flair siehst du den aktuellen Urlaubssaldo inklusive anteiligem Anspruch bis zum Austrittsdatum. Die offenen Tage übergibst du direkt an die Lohnabrechnung.
Häufige Fragen
Wie berechnet man die Urlaubsabgeltung?
Offene Urlaubstage × Tagesentgelt. Bei festem Monatsgehalt und Fünf-Tage-Woche ist das Tagesentgelt Monatsgehalt × 3 ÷ 65.
Kann man sich Urlaub während des Arbeitsverhältnisses auszahlen lassen?
Gesetzlichen Mindesturlaub nicht. Er dient der Erholung und darf nur bei Beendigung abgegolten werden. Für vertraglichen Mehrurlaub kann eine Auszahlung vereinbart werden.
Wird Urlaubsabgeltung bei fristloser Kündigung gezahlt?
Ja. Der Grund für die Beendigung spielt keine Rolle. Auch bei einer fristlosen Kündigung muss offener Urlaub abgegolten werden.
Haben Minijobber Anspruch auf Urlaubsabgeltung?
Ja. Minijobber haben den gleichen gesetzlichen Urlaubsanspruch wie andere Beschäftigte, anteilig nach ihren Arbeitstagen. Offener Urlaub wird beim Austritt ebenso abgegolten.
Bekommen Erben die Urlaubsabgeltung?
Ja. Stirbt ein Beschäftigter, geht der Abgeltungsanspruch auf die Erben über (EuGH, 06.11.2018 – C-569/16, C-570/16; BAG, 22.01.2019 – 9 AZR 45/16).
Wie lange kann Urlaubsabgeltung verlangt werden?
Die dreijährige Verjährungsfrist beginnt mit dem Ende des Jahres, in dem das Arbeitsverhältnis endet (§§ 195, 199 BGB; BAG, 31.01.2023 – 9 AZR 456/20). Kürzere vertragliche oder tarifliche Ausschlussfristen können vorgehen.
Weiterlesen im HR-Lexikon
- Urlaubsanspruch bei Kündigung
- Kündigung in der Probezeit
- Weihnachtsgeld bei Kündigung
- Alle Begriffe im HR-Lexikon
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Abweichende Regelungen in Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung gehen vor. Stand: Oktober 2026.
In Verbindung stehende Artikel

Krank im Urlaub: Bekommen Beschäftigte ihre Urlaubstage zurück?
Wer im Urlaub krank wird, verliert die Urlaubstage nicht, wenn ein ärztliches Attest vorliegt. Was § 9 BUrlG verlangt, welche Meldepflichten gelten (auch im Ausland), wer die Krankheitstage bezahlt und wie HR die Tage korrekt zurückbucht.

Krankengeld nach 6 Wochen: Höhe, Dauer und Übergang von der Lohnfortzahlung
Nach sechs Wochen Entgeltfortzahlung zahlt die Krankenkasse Krankengeld. Wie hoch es ist (70 % brutto, höchstens 90 % netto), wie lange es läuft (78 Wochen), was eine Lücke in der Krankschreibung kostet und was HR beim Übergang beachten muss.

Krank in der Probezeit: Wer zahlt, und darf gekündigt werden?
In den ersten vier Wochen zahlt die Krankenkasse, danach der Arbeitgeber. Eine Kündigung ist in der Probezeit auch während der Krankheit möglich, kann aber die Lohnfortzahlung verlängern. Was gilt, mit Zeitstrahl, Beispiel und FAQ.
