Krankschreibung rückwirkend: Wie viele Tage sind erlaubt?

Kurz gesagt: Eine Krankschreibung rückwirkend ist nur ausnahmsweise möglich und in der Regel auf bis zu drei Tage vor dem Arztbesuch begrenzt (§ 5 Abs. 3 Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie). Ob die Praxis zurückdatiert, entscheidet sie nach gewissenhafter Prüfung; einen Anspruch darauf hast Du nicht. Deinem Arbeitgeber musst Du die Arbeitsunfähigkeit trotzdem sofort melden und sie, wenn sie länger als drei Kalendertage dauert, spätestens am darauffolgenden Arbeitstag ärztlich feststellen lassen (§ 5 EntgFG).
- Grundsatz: keine Krankschreibung für die Zeit vor dem ersten Arztkontakt
- Ausnahme: Rückdatierung in der Regel bis zu drei Tage
- Folgebescheinigung: spätestens am nächsten Werktag, sonst droht eine Lücke beim Krankengeld
- Arbeitgeber: ruft die eAU bei gesetzlich Versicherten bei der Krankenkasse ab
Stand: Oktober 2026. Grundlage: Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie (AU-RL) des Gemeinsamen Bundesausschusses in der Fassung vom 7. Dezember 2023, Entgeltfortzahlungsgesetz (EntgFG) und SGB V.
Was bedeutet „rückwirkend krankschreiben“?
Bei einer rückwirkenden Krankschreibung bescheinigt die Ärztin oder der Arzt eine Arbeitsunfähigkeit, die schon vor dem Tag der Untersuchung begonnen hat. Typisch ist der Fall, dass Du am Samstag mit Fieber im Bett liegst, die Praxis aber erst am Montag erreichst. Auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) steht dann als Beginn ein Datum vor dem Tag der Feststellung.
Die AU-Richtlinie unterscheidet zwei Fälle: die Rückdatierung des Beginns einer neuen Arbeitsunfähigkeit und die rückwirkende Bescheinigung, dass eine schon festgestellte Arbeitsunfähigkeit fortbesteht (Folgebescheinigung). Für beide gelten dieselben Grenzen.
Wie lange darf ein Arzt rückwirkend krankschreiben?
Maßgeblich ist die Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), an die Vertragsärzt:innen bei der Behandlung gesetzlich Versicherter gebunden sind. Danach soll die Arbeitsunfähigkeit „für eine vor der ersten ärztlichen Inanspruchnahme liegende Zeit grundsätzlich nicht bescheinigt werden“. Eine Rückdatierung des Beginns ist „ebenso wie eine rückwirkende Bescheinigung über das Fortbestehen der Arbeitsunfähigkeit nur ausnahmsweise und nur nach gewissenhafter Prüfung und in der Regel nur bis zu drei Tagen zulässig“ (§ 5 Abs. 3 AU-RL).
- Bis zu drei Tage sind der Regelfall der Ausnahme, etwa für ein Wochenende oder einen Feiertag, an dem Du keine Praxis erreicht hast.
- Mehr als drei Tage sind nur in besonders begründeten Einzelfällen denkbar („in der Regel“). Eine ganze Woche rückwirkend wird kaum eine Praxis bescheinigen.
- Kein Anspruch: Die Ärztin oder der Arzt muss sich selbst davon überzeugen können, dass Du in dieser Zeit arbeitsunfähig warst. Lässt sich das nicht mehr feststellen, gilt die Krankschreibung erst ab dem Untersuchungstag.
Typische Fälle: Wochenende, Folgebescheinigung, verpasster Termin
Krank am Wochenende
Wirst Du am Samstag krank und gehst am Montag zum Arzt, kann die Praxis den Beginn der Arbeitsunfähigkeit auf Samstag zurückdatieren, wenn das medizinisch plausibel ist. Die Krankmeldung an Deinen Arbeitgeber ist davon unabhängig: Sie muss „unverzüglich“ erfolgen (§ 5 Abs. 1 Satz 1 EntgFG), also in der Regel vor Arbeitsbeginn am ersten Tag, an dem Du fehlst.
Folgebescheinigung
Bist Du länger krank als ursprünglich bescheinigt, brauchst Du eine Folgebescheinigung. Für den Anspruch auf Krankengeld muss sie lückenlos anschließen: Die weitere Arbeitsunfähigkeit wegen derselben Krankheit muss „spätestens am nächsten Werktag nach dem zuletzt bescheinigten Ende der Arbeitsunfähigkeit“ ärztlich festgestellt werden, wobei Samstage nicht als Werktage gelten (§ 5 Abs. 3 AU-RL). Endet Deine Krankschreibung an einem Freitag, reicht also ein Arztbesuch am Montag.
Folgetermin verpasst
Erscheinst Du ohne triftigen Grund nicht zum vereinbarten Folgetermin (oder zur vereinbarten Videosprechstunde), kann die Praxis eine rückwirkende Bescheinigung verweigern. Die erneute Arbeitsunfähigkeit wird dann mit einer neuen Erstbescheinigung attestiert (§ 5 Abs. 3 AU-RL).
Krankschreibung per Telefon oder Video
Statt in die Praxis zu gehen, kannst Du Dich unter bestimmten Voraussetzungen auch per Videosprechstunde oder telefonisch krankschreiben lassen (§ 4 Abs. 5 und 5a AU-RL):
- Videosprechstunde: erstmalige Krankschreibung für bis zu drei Kalendertage, wenn Du der Praxis nicht persönlich bekannt bist, und für bis zu sieben Kalendertage, wenn die Praxis Dich aus früherer Behandlung kennt.
- Telefon: nur wenn eine Videosprechstunde nicht möglich ist, bei Erkrankungen ohne schwere Symptomatik und nur für Patient:innen, die der Praxis persönlich bekannt sind; die erstmalige Krankschreibung soll fünf Kalendertage nicht überschreiten.
- Kein Anspruch: Ob Video oder Telefon in Frage kommt, entscheidet die Praxis.
Für die Rückdatierung gelten dieselben Grenzen wie beim Praxisbesuch: grundsätzlich nicht vor dem ersten Arztkontakt, ausnahmsweise bis zu drei Tage.
Deine Pflichten: Krankmeldung und Nachweis
Eine rückwirkende Krankschreibung ändert nichts an Deinen Pflichten aus § 5 EntgFG:
- Sofort melden: Du musst Deinem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeit und ihre voraussichtliche Dauer unverzüglich mitteilen, am besten telefonisch vor Arbeitsbeginn.
- Ab dem vierten Kalendertag: Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, musst Du sie spätestens am darauffolgenden Arbeitstag ärztlich feststellen lassen. Arbeitgeber:innen dürfen den Nachweis auch früher verlangen, zum Beispiel ab dem ersten Krankheitstag.
- eAU statt gelbem Schein: Seit dem 1. Januar 2023 meldet die Praxis die Arbeitsunfähigkeit gesetzlich Versicherter elektronisch an die Krankenkasse, und Arbeitgeber:innen rufen die eAU dort ab. Privat Versicherte und Krankschreibungen durch Privatärzt:innen laufen weiter über die Papierbescheinigung.
Gehst Du erst am vierten Krankheitstag zum Arzt und wird die Arbeitsunfähigkeit bis zum ersten Tag zurückdatiert, ist die gesetzliche Frist gewahrt. Verlangt Dein Arbeitgeber den Nachweis aber schon ab dem ersten Tag, kommt er trotz Rückdatierung zu spät.
Was bedeutet das für Entgeltfortzahlung und Krankengeld?
Solange die Arbeitsunfähigkeit ärztlich festgestellt ist, zahlt der Arbeitgeber bis zu sechs Wochen das volle Gehalt weiter (§ 3 EntgFG, siehe Lohnfortzahlung im Krankheitsfall). Fehlt der Nachweis, darf er die Entgeltfortzahlung verweigern, solange er fehlt (§ 7 Abs. 1 Nr. 1 EntgFG); wird er nachgereicht, muss er nachzahlen.
Danach zahlt die Krankenkasse Krankengeld: 70 Prozent des regelmäßigen Bruttoentgelts, höchstens 90 Prozent des Nettoentgelts (§ 47 SGB V), wegen derselben Krankheit für höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren (§ 48 SGB V). Gerade hier zählt die lückenlose Folgebescheinigung.
Darf der Arbeitgeber eine rückwirkende Krankschreibung anzweifeln?
Eine ordnungsgemäß ausgestellte AU hat einen hohen Beweiswert. Arbeitgeber:innen können ihn aber erschüttern, wenn sie Tatsachen vortragen, die ernsthafte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit begründen. Eine Rückdatierung, die deutlich über die drei Tage der AU-Richtlinie hinausgeht, kann ein solches Indiz sein. Außerdem können Arbeitgeber:innen verlangen, dass die Krankenkasse eine gutachtliche Stellungnahme des Medizinischen Dienstes einholt (§ 275 Abs. 1a SGB V).
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Tage darf ein Arzt rückwirkend krankschreiben?
In der Regel bis zu drei Tage, und nur ausnahmsweise nach gewissenhafter Prüfung (§ 5 Abs. 3 AU-RL). Grundsätzlich wird keine Arbeitsunfähigkeit für die Zeit vor dem ersten Arztkontakt bescheinigt.
Kann man sich eine Woche rückwirkend krankschreiben lassen?
Nur in besonders begründeten Einzelfällen. Die AU-Richtlinie erlaubt mehr als drei Tage lediglich als Ausnahme von der Regel, und die Praxis muss sich von der Arbeitsunfähigkeit in dieser Zeit überzeugen können.
Geht eine rückwirkende Krankschreibung auch telefonisch?
Die telefonische Krankschreibung ist nur für Patient:innen möglich, die der Praxis bekannt sind, und nur, wenn keine Videosprechstunde möglich ist. Für eine Rückdatierung gelten dieselben Grenzen wie beim Praxisbesuch.
Was passiert, wenn ich zu spät zum Arzt gehe?
Kann die Praxis nicht zurückdatieren, beginnt die Krankschreibung erst mit dem Untersuchungstag. Für Tage, für die Du einen Nachweis hättest vorlegen müssen, darf Dein Arbeitgeber die Entgeltfortzahlung verweigern (§ 7 EntgFG).
Muss ich mich krankmelden, obwohl ich erst später zum Arzt gehe?
Ja. Die Krankmeldung an den Arbeitgeber ist unabhängig vom Arztbesuch und muss unverzüglich erfolgen, in der Regel vor Arbeitsbeginn am ersten Krankheitstag.
- Arbeiten trotz Krankmeldung: Ist das erlaubt?
- Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU)
- Krank im Urlaub
- Kündigung während Krankheit
- Alle Begriffe im HR-Lexikon
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