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Vaterschaftsurlaub in Deutschland: Stand 2026, Alternativen und Optionen für Arbeitgeber

Lisa PulsLisa Puls
9. Okt. 2026Max 8 Min. Lesezeit
Vaterschaftsurlaub in Deutschland: Stand 2026, Alternativen und Optionen für Arbeitgeber

Kurz gesagt: Stand Oktober 2026 gibt es in Deutschland keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Vaterschaftsurlaub. Die geplante „Familienstartzeit“ mit zwei Wochen bezahlter Freistellung nach der Geburt wurde nicht umgesetzt. Väter und zweite Elternteile haben heute vor allem drei Wege: einen Tag bezahlte Freistellung nach § 616 BGB oder Tarifvertrag, Elternzeit nach dem BEEG und regulären Erholungsurlaub. Ob Deutschland nach EU-Recht nachbessern muss, prüft gerade der Europäische Gerichtshof.

Gibt es Vaterschaftsurlaub in Deutschland?

Nein, nicht als eigenen gesetzlichen Anspruch. Anders als die Mutter, für die nach der Geburt die Schutzfrist des Mutterschutzgesetzes gilt, hat der zweite Elternteil keinen gesetzlich geregelten bezahlten Urlaub rund um die Geburt.

Familienstartzeit: Die Ampel-Koalition hatte vereinbart, dem Partner oder der Partnerin nach der Geburt zwei Wochen bezahlte Freistellung zu ermöglichen. Ein Referentenentwurf lag 2023 vor, beschlossen wurde er nie. Das Bundesfamilienministerium schreibt heute, die Familienstartzeit sei nicht umgesetzt worden und die aktuelle Koalition setze „andere Schwerpunkte, um junge Familien zu stärken“.

Was das EU-Recht verlangt

Die EU-Vereinbarkeitsrichtlinie (Richtlinie (EU) 2019/1158) sieht in Artikel 4 zehn Arbeitstage Vaterschaftsurlaub anlässlich der Geburt vor, vergütet mindestens in Höhe des Krankengeldniveaus. Artikel 20 Absatz 6 und 7 enthalten Ausnahmen für Mitgliedstaaten mit großzügigen Elternurlaubsregeln.

  • Position der Bundesregierung: Deutschland erfülle diese Ausnahmen durch Elternzeit und Elterngeld. Eine Pflicht zur Einführung eines Vaterschaftsurlaubs bestehe deshalb nicht.
  • Vertragsverletzungsverfahren: Die EU-Kommission hatte 2022 ein Verfahren wegen unvollständiger Umsetzung der Richtlinie eingeleitet. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums hat sie es am 1. Juni 2023 im vorgerichtlichen Stadium eingestellt.
  • Vorlage an den EuGH: Das Bundesverwaltungsgericht hat am 29. April 2026 (Az. 1 WB 27.25) dem Europäischen Gerichtshof die Frage vorgelegt, ob ein Mitgliedstaat auf den Vaterschaftsurlaub verzichten darf, wenn er Eltern grundsätzlich, aber nicht ausnahmslos, mindestens sechs Monate bezahlten Elternurlaub gewährt. Anlass ist der Fall eines Bundeswehroffiziers. Eine Entscheidung steht aus.
  • Andere Gerichte: Das Landgericht Berlin II hat 2025 eine Schadensersatzklage eines Vaters gegen die Bundesrepublik abgewiesen. Das Verwaltungsgericht Köln hat einem Bundesbeamten dagegen 2025 zehn Tage vergüteten Vaterschaftsurlaub direkt aus der Richtlinie zugesprochen.

Für Beschäftigte in der Privatwirtschaft folgt daraus derzeit kein Anspruch gegen ihren Arbeitgeber. Eine EU-Richtlinie wirkt nicht unmittelbar zwischen Privaten.

Welche Rechte Väter heute haben

1. Bezahlte Freistellung am Tag der Geburt

Nach § 616 BGB behalten Beschäftigte ihren Lohn, wenn sie für eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ aus einem persönlichen Grund verhindert sind. Die Geburt des eigenen Kindes ist ein typischer Fall, üblich ist ein Arbeitstag. Der TVöD sieht ausdrücklich einen Arbeitstag vor. § 616 BGB kann im Arbeitsvertrag ausgeschlossen sein. Alle Details im Beitrag Sonderurlaub bei Geburt.

2. Elternzeit

Jeder Elternteil kann bis zum dritten Geburtstag des Kindes Elternzeit nehmen (§ 15 BEEG), auch direkt ab der Geburt und auch nur für wenige Wochen. Wichtig sind die Fristen:

  • Anmeldung: spätestens sieben Wochen vor Beginn in Textform beim Arbeitgeber, also zum Beispiel per E-Mail (§ 16 BEEG). Soll die Elternzeit mit der Geburt beginnen, muss die Anmeldung also rechtzeitig vor dem errechneten Termin erfolgen.
  • Kündigungsschutz: ab der Anmeldung, frühestens acht Wochen vor Beginn der Elternzeit (§ 18 BEEG).
  • Kein Lohn: Während der Elternzeit zahlt der Arbeitgeber nichts. Einkommensersatz kommt über das Elterngeld.

Viele Väter nehmen die beiden Partnermonate des Elterngelds. Basiselterngeld können beide Eltern gleichzeitig allerdings nur für einen Monat innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate beziehen. Mehr zu Fristen und Verlängerung im Beitrag Elternzeit, zum Urlaub in dieser Zeit unter Urlaubsanspruch in der Elternzeit.

3. Erholungsurlaub, Überstunden, unbezahlter Urlaub

  • Erholungsurlaub: Bei der zeitlichen Festlegung muss der Arbeitgeber die Urlaubswünsche berücksichtigen, außer dringende betriebliche Belange oder sozial vorrangige Wünsche anderer stehen entgegen (§ 7 Abs. 1 BUrlG). Die Geburt eines Kindes ist ein gewichtiger Grund.
  • Überstundenausgleich oder Gleitzeit, wenn ein Arbeitszeitkonto besteht.
  • Unbezahlter Urlaub nach Absprache.

Und die Mutter?

Für die Person, die entbindet, gilt der Mutterschutz: Der Arbeitgeber darf sie bis acht Wochen nach der Entbindung nicht beschäftigen, bei Früh- und Mehrlingsgeburten zwölf Wochen (§ 3 Abs. 2 MuSchG). Sie erhält Mutterschaftsgeld und den Arbeitgeberzuschuss. Einen Sonderurlaub braucht sie deshalb nicht. Mehr dazu unter Mutterschutz.

Freiwilliger Vaterschaftsurlaub: So setzen Arbeitgeber eine eigene Regelung auf

Weil der Gesetzgeber nicht handelt, bieten immer mehr Unternehmen bezahlte Elternzeit für den zweiten Elternteil als Benefit an. Das hilft bei der Mitarbeiterbindung und im Recruiting. Bewährt hat sich dieser Aufbau:

  1. Umfang festlegen: zum Beispiel zehn Arbeitstage bezahlte Freistellung, angelehnt an die EU-Richtlinie.
  2. Zeitraum: innerhalb von acht oder zwölf Wochen nach der Geburt oder Adoption, am Stück oder aufgeteilt.
  3. Berechtigte: unabhängig von Geschlecht und Familienform, also auch für Co-Mütter, Adoptiv- und Pflegeeltern.
  4. Wartezeit: optional, etwa ab dem Ende der Probezeit.
  5. Abgrenzung: klarstellen, dass die Tage zusätzlich zum Erholungsurlaub und zu § 616 BGB gewährt werden und den Elternzeitanspruch nicht berühren.
  6. Form: Betriebsvereinbarung (bei Betriebsrat) oder Richtlinie mit Gleichbehandlung aller Berechtigten. Nachweis über die Geburtsurkunde.

Beispiel: Zeit rund um die Geburt planen

Daniel arbeitet Vollzeit, der errechnete Termin seiner Partnerin ist der 20. Mai 2027. So kann er sich ohne gesetzlichen Vaterschaftsurlaub drei Wochen freinehmen:

  • Am Tag der Geburt: ein Tag bezahlte Freistellung nach § 616 BGB, weil sein Vertrag die Vorschrift nicht ausschließt.
  • Die zwei Wochen danach: zehn Tage Erholungsurlaub, die er schon im Januar beantragt hat, mit flexiblem Beginn ab der Geburt.
  • Ab dem dritten Lebensmonat: zwei Monate Elternzeit mit Elterngeld, die er spätestens sieben Wochen vor Beginn in Textform anmeldet.

Gibt es im Unternehmen eine freiwillige Regelung mit zehn bezahlten Tagen, kann Daniel seinen Erholungsurlaub für später aufheben.

In der Abwesenheitsverwaltung von flair legst du „Vaterschaftsurlaub“ oder „Elternzeit bezahlt“ als eigene Abwesenheitsart mit festem Kontingent an. Mitarbeitende beantragen die Tage per App, und das Team sieht im Kalender, wer wann fehlt.

Häufige Fragen

Gibt es in Deutschland gesetzlichen Vaterschaftsurlaub?

Nein, Stand Oktober 2026 nicht. Es gibt keinen eigenen gesetzlichen Anspruch auf bezahlte Freistellung für den zweiten Elternteil nach der Geburt.

Wie viele Tage frei bekommt ein Vater bei der Geburt?

Üblich ist ein bezahlter Arbeitstag nach § 616 BGB oder Tarifvertrag, sofern der Arbeitsvertrag das nicht ausschließt. Mehr Zeit gibt es über Elternzeit, Urlaub oder eine freiwillige Regelung des Arbeitgebers.

Was ist aus der Familienstartzeit geworden?

Sie wurde nicht umgesetzt. Ein Entwurf von 2023 wurde nicht beschlossen, und die aktuelle Bundesregierung verfolgt das Vorhaben nicht weiter.

Gilt die EU-Richtlinie direkt für meinen Arbeitgeber?

Nein. Richtlinien richten sich an die Mitgliedstaaten und wirken nicht unmittelbar zwischen privaten Arbeitgebern und Beschäftigten. Ob Deutschland nachbessern muss, klärt derzeit der EuGH auf Vorlage des Bundesverwaltungsgerichts.

Kann der Arbeitgeber Elternzeit direkt nach der Geburt ablehnen?

Nein, wenn sie fristgerecht angemeldet wurde. Elternzeit ist ein Anspruch, keine Bitte. Der Arbeitgeber muss sie nicht genehmigen, er hat sie aber zu bescheinigen (§ 16 Abs. 1 BEEG).

Gelten die Regeln auch für Co-Mütter und Adoptiveltern?

Elternzeit und Elterngeld stehen allen Eltern offen, unabhängig vom Geschlecht, auch bei Adoption. Ob § 616 BGB oder ein Tarifvertrag einen freien Tag gewährt, hängt vom konkreten Anlass und Wortlaut ab. Freiwillige Arbeitgeberregelungen sollten alle Familienformen einschließen.

Bekommen Väter in Elternzeit Geld vom Arbeitgeber?

Nein. Während der Elternzeit ruht die Lohnzahlung. Das Einkommen ersetzt das Elterngeld, das bei der Elterngeldstelle beantragt wird.

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Abweichende Regelungen in Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung gehen vor. Stand: Oktober 2026.

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